Leitartikel September 2021

Betende Hände (Foto: Albrecht Dürer)

„Hauptsach, mer bliibed gsund!“
Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört, meistens als Wunsch gemeint: „Hauptsach, mer bliibed gsund!“ Ein Wunsch, der in jungen Jahren kaum je zu hören ist – mit zunehmendem Alter aber immer häufiger und gar nicht so selten verbunden mit einem freundschaftlichen Schulterklopfen: „Hauptsach, mer bliibed gsund!“

Dass unsere Gesundheit ein hohes Gut ist, wird wohl niemand in Frage stellen. Und seit der Corona-Pandemie wird uns der Wert des Gesundseins auch viel eher bewusst – merkwürdigerweise neigen wohl viele von uns dazu, das sozusagen Normale, beinahe Selbstverständliche erst dann wertzuschätzen, wenn es nicht mehr so selbstverständlich ist.

„Hauptsach, mer bliibed gsund!“ Wie dieser Satz wohl tönt in den Ohren eines Menschen, der unheilbar krank ist? Oder wie gehen Eltern damit um, deren Kind von Geburt an eine schlimme Beeinträchtigung hat? Oder der Mensch, der nach einem schweren Unfall nie mehr „ganz der alte“ sein wird?

Ist unser Gesundsein denn wirklich der höchste Wert? Oder die Zufriedenheit? Oder mich mit dem abfinden, was ich mir so nicht gewünscht habe, was jetzt aber so ist, und versuchen, das Beste daraus zu machen? Einen neuen Sinn im Leben finden, ein neues Ziel?

Ich denke an einen alten Mann, seinerzeit in führender Funktion in einem grossen Industriebetrieb, jetzt aber in seinem Bett im Altersheim, nur noch Haut und Knochen, von schlimmen Schmerzen gequält, das Gesicht schmerzverzerrt – ein elendes, erbärmliches Bild. Als ich ihn frage, wie es ihm in den letzten Tagen gehe, kommt ein Leuchten in seine Augen, und er sagt: „Wüssed Si, Herr Pfarer, ich han jetz di wichtigschti Ufgab gfunde: bätte, für miich und au für anderi.“

Eindrücklich für mich, diese Begegnung mit diesem alten, frommen Mann, der gewiss nicht mehr gesagt hätte „Hauptsach, mer bliibed gsund!“ Vielleicht aber: „Hauptsach, mer wachsed mee und mee ine in es ächts Gottvertroue und lehred wi öise Heiland bätte: „Dein Wille geschehe!“

Werner Pfister, Pfarramts-Stellvertreter
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