Leitartikel Januar 2022

happy-new-year (Foto: Pixabay)

Mit den Jahreslosungen ist das so eine Sache. Ausgewählt werden sie von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen. Ein Vers aus der Bibel, für jedes Jahr drei Jahre im Voraus. Und ob sie dann drei Jahre später noch passen, in die jeweilige Zeit hinein und für mein Empfinden passen, ist nicht im Voraus klar.


Liebe Leserin, lieber Leser

Die Jahreslosung für das vergangene Jahr aber war so wichtig wie notwendig. „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6,36).
Ich denke an all die Auseinandersetzungen wegen Impfen oder Nicht-Impfen, wegen Einschränkungen und wegen Covid-Zertifikat, oft mit Beschimpfungen und Schuld-Zuweisungen, mit Hass auf die Andersdenkenden und sogar mit Gewalt.
Ich denke an die Not von Vertriebenen, von Verfolgten aus Glaubens- und Gewissensgründen und von Millionen von Menschen auf der Flucht. Und wie wenig wir in den reichen Ländern uns hilfreich für diese Notleidenden einsetzen.
Ich denke auch an Beziehungen, die gescheitert sind, und an die belastenden Gefühle, die uns immer noch umtreiben.
Und dazu die Aufforderung unseres Heilands: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ So wie Gott uns gegenüber barmherzig ist, ohne Vorbedingung und ohne Einschränkung, so sollen auch wir Christen barmherzig sein. Auf unser Herz hören, mitfühlend helfen, Armut und Leiden zu lindern versuchen.

Die tiefere Begründung für diese Barmherzigkeit finde ich ausgerechnet in der Jahreslosung für das neue Jahr 2022. „Jesus Christus sagt: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“ (Joh. 6,37). Welch ein Versprechen! Und ein wichtiger Hinweis, denke ich, mit all dem, was uns so Sorgen macht, Ärger und Angst, zuerst einmal zu Jesus zu gehen. Auch mit dem Wunsch, es dem andern nun wirklich zu zeigen, es ihm heimzuzahlen. Bevor ich in die Gefahr gerate, unbarmherzig zu werden, will ich zuerst einmal innehalten, ein Gebet lang innehalten und überlegen: Könnte ich auch anders sein? Vielleicht weniger schroff, weniger verbissen, weniger verschlossen – dafür aber etwas gelassener, vielleicht sogar mit ein wenig Heiterkeit?

Ich weiss: Leicht ist das nicht. Wir leben ja oft in bestimmten, lange geübten Mustern. Oder haben die Muster anderer übernommen. Meistens hilft uns das, sonst täten wir es ja nicht. Aber manchmal hilft es eben auch nicht. Um das genauer zu erkennen, könnte es wirklich eine Hilfe sein, im Zweifelsfall einige Augenblicke oder auch länger bei unserem Herrn und Bruder zu verweilen und zu überlegen: Ist es gut, was ich jetzt vorhabe? Wäre Jesus damit einverstanden? Er, der weiss, wie wir uns oft schwer tun damit, barmherzig zu sein – gegenüber anderen und auch gegenüber uns selbst -, verspricht uns: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Wer Rat sucht bei Gott, wird ihn bekommen. In dieser Gewissheit wünsche ich uns allen ein gesegnetes neues Jahr.

Werner Pfister, Pfarramts-Stellvertreter
Bereitgestellt: 01.01.2022     Besuche: 116 Monat   Verantwortlich für diese Seite: Alexa Ulrich-Bachmann