Leitartikel Mai 2022

Ballon (Foto: Pixabay.com)

Liebe Leserin, lieber Leser

In meinem Leitartikel möchte ich Ihnen eine Geschichte weitererzählen, die mich seit längerer Zeit begleitet. Ob sie erfunden ist oder nicht, weiss ich nicht. Aber ich bin überzeugt: Sie ist wahr.
Ihr Papa ist tot, gestorben in diesem furchtbaren Krieg. Das kleine Mädchen denkt viel an ihn. Und weiss immer noch genau, wann ihr Papa Geburtstag hat. Darum schreibt sie ihm einen Brief, in krakeliger Kinderschrift. „Happy Birthday“, schreibt das Mädchen auf einen grossen Zettel. Und: „Ich wünsche dir alles Gute. Du sollst schön feiern da oben mit deinen Freunden.“ Damit der Brief auch „da oben“ ankommt, hängt das Mädchen ihn an einen Luftballon. Der fliegt und fliegt und ist dann weg. Aber weil das Mädchen noch etwas für sie Wichtiges auf den Brief geschrieben hat, ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Sie hat nämlich noch dazu geschrieben: „Ich habe nun auch bald Geburtstag.“

Und tatsächlich: Das Mädchen bekommt eine Antwort. Ein paar Tage später flattert ihr eine Karte ins Haus. Auf der steht: „Mir geht es gut hier oben. Freue dich auf deinen Geburtstag und sei bitte immer möglichst freundlich mit deinen Mitmenschen.“ Die Mutter des Mädchens steht vor einem Rätsel. Jemand muss den Luftballon gefunden und auf den Brief geantwortet haben. Jemand wollte dem Kind eine Freude machen und spielt den Papa im Himmel. Das Kind ist glücklich. Der Himmel ist oben und Papa in ihrem Herzen.

Es gibt diese kleinen Wunder im Alltag. Manchmal sind sie etwas seltsam, manchmal auch einfach wunderschön. Das Mädchen hofft, dass sein Papa nicht ganz weg ist; dass er sie immer noch hört und sieht. Das ist ihr wichtig. Deshalb erinnert sie ihren Papa auch gleich noch daran, dass sie selbst bald Geburtstag hat – wer weiss denn, ob man im Himmel noch an so etwas denkt. Das tut man. Das Mädchen bekommt eine Antwort, von wem auch immer.

Das kleine Wunder hat einen wahren Kern: Der Himmel ist nicht nur oben. Der Himmel ist auch im Herzen. Bei diesem Mädchen und auch bei einem Fremden. Der Himmel ist ein altes und aussagestarkes Bild für die Nähe Gottes. Wir wissen nicht, wo die Toten sind. Wir hoffen aber, dass sie uns nahe sind, uns sehen und hören – „dort oben“ oder im Herzen oder beides. So dürfen wir hoffen. Wir dürfen uns Bilder malen von der Nähe Gottes. Das schönste Bild ist vielleicht das vom Himmel, der immer auf uns achtgibt. Und manchmal sogar neben uns ist. Weil da jemand ist, der unsere Trauer versteht, unsere Liebe und unsere grosse Sehnsucht. Und sagt oder mir zeigt: „Glaub‘ nur, einmal wird alles gut.“

Diese Gewissheit wünsche ich uns allen – Ihnen und mir.

Werner Pfister, Pfarramts-Stellvertreter
Bereitgestellt: 12.05.2022     Besuche: 96 Monat   Verantwortlich für diese Seite: Alexa Ulrich-Bachmann