Leitartikel Dezember 2022 - Dunkler Advent?

2022-12 Foto zum Leitartikel Dezember (Foto: Emanuel Memminger)

Strom sparen scheint das Schlagwort dieses Winters zu werden. Heute, wo ich diesen Text verfasse, kann niemand sagen, was von uns gefordert sein wird. Doch die Spekulationen schiessen schon jetzt ins Kraut. Mancher konstatiert bereits jammernd, dass die heiss geliebte Weihnachtsbeleuchtung - ein Brauch übrigens, der erst in den letzten Jahrzehnten aus amerikanischen Gefilden zu uns eingewandert ist – dieses Jahr auf dem Speicher bleiben müsse.


Ob das wirklich so sein wird, werden Sie, liebe Leserinnen und Leser vermutlich wissen, wenn Sie diese Zeilen lesen, die ich bereits ein paar Wochen vor der Adventszeit verfasse.
Ein dunkler Advent also. Eine Vorweihnachtszeit, die ein weiters Mal etwas anders verläuft, als wir das in den vergangenen Jahrzehnten gewohnt waren. Doch ist das wirklich so schlimm? Oder kann mich der Ausfall der gewohnten Routine zu einem sinnvollen Nachdenken anregen? Was ist der Ursprung des Advents und was soll diese Zeit, die ganz der Erwartung gewidmet ist, eigentlich mit mir machen?
Wussten Sie, dass die Adventszeit ursprünglich eine Fastenzeit war? Guetzli und Schoggi-Samichläuse hatten da wenig zu suchen. Stattdessen war innere Einkehr gefragt, ein sorgfältiges Vorbereiten auf das, was da kommen wird. Und Weihnachten ist für Gott wahrlich kein Zuckerschlecken. Er tauscht den himmlischen Thronsaal gegen einen windschiefen Stall. Hier mitten unter den einfachen Menschen soll nun seine Bleibe sein. Mit Ausnahme der Geschenke der Weisen aus dem Morgenland gab es in jenen Tagen der Geburt Jesu wenig zu feiern und zu schlemmen. Im Gegenteil, schon wenige Stunden später muss die Familie Jesu mitsamt den wertvollen Gaben der Morgenländer die Flucht nach Ägypten antreten. Der Herrscher des Heiligen Landes trachtet ihnen nämlich nach dem Leben.
Das also feiern wir an Weihnachten und darauf bereiten wir uns vor. Gott kommt zu uns, klein und verletzlich, will sein Licht in unser Leben bringen. «Das Volk das im Finstern wandelt, sieht ein grosses Licht», kündigt der Prophet Jesaja an. Vielleicht tut uns ein wenig Dunkelheit in der Adventszeit ganz gut, um das Weihnachtslicht wieder neu für uns zu entdecken.

Emanuel Memminger, Pfarrer
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