Leitartikel April 2026
«Ich wasche meine Hände in Unschuld». Obwohl dieser Satz gar nicht wörtlich in der Bibel steht, und die zugrunde liegende Szene nur in einem der vier Evangelien geschildert wird ist er zum geflügelten Wort geworden.
Im Matthäusevangelium wird erzählt, dass Pilatus Jesus eigentlich gar nicht kreuzigen wollte, jedoch dem wütenden Mob vor seinem Palast nicht mehr Herr wurde. Darauf berichtet der Evangelist Folgendes: «Als Pilatus sah, dass er nichts erreichte, vielmehr die Unruhe wuchs, nahm er Wasser, wusch sich vor den Augen des Volkes die Hände und sagte: Ich bin unschuldig an diesem Blut. Seht ihr zu!» Matthäus 27, 24 (Zürcher Bibel)
Doch was wird hier eigentlich erzählt? In der christlichen Tradition hat diese Szene ein seltsames Eigenleben entwickelt. Pilatus wird durch diese Zeichenhandlung quasi von aller Schuld freigesprochen, während «die Juden» für den Tod Jesu verantwortlich gemacht wurden. Damit wurde im Folgenden die Verfolgung der Juden begründet, die sich bis heute wie ein dunkler Schatten durch die christliche Tradition zieht.
Doch Matthäus erzählt etwas ganz anderes. Hier begegnet uns ein im wortwörtlichen Sinn verantwortungsloser Politiker. Pilatus hat die richterliche Gewalt im Land inne. Er verurteilt und kann freisprechen. Dass er damit nicht zimperlich umgesprungen ist, berichten uns ausserbiblische Quellen. Pilatus galt als äusserst harter, erbarmungsloser Statthalter. Hier jedoch entzieht er sich der Verantwortung, schiebt anderen die Schuld in die Schuhe. Damit wird er zum Gegenentwurf dessen, den er zum Tod verurteilt. Jesus stirbt unschuldig und träft dabei die Schuld der ganzen Welt. Während der Eine alle Schuld von sich weist, trägt der andere unsere Schuld für uns. Gottes Wege sind eben ganz anders als die Wege derer, die Macht in dieser Welt haben.
Bildlegende: Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld. Bildtafel aus dem Kreuzweg in der Kapelle des Alterszentrums Sunnewies in Tobel (Foto: Emanuel Memminger)
Emanuel Memminger, Pfarrer