Leitartikel August 2026

2026-08 Bild Leitartikel_356536 (Foto: Cornelia Erne Fässler)

Chiuchefänschterouge
Der Song «W. Nuss vo Bümpliz» der Berner Band Patent Ochsner erlebte bei der Eishockey-WM ein unerwartetes Comeback und führt mich zu ungewöhnlichen Gedankengängen rund um den 1. August.
Manchmal ist es erstaunlich, wie schnell sich Rituale entwickeln. Als der Stadion-DJ an der Eishockey-WM nach der Nationalhymne für die Ehrenrunde der «Eisgenossen» den alten Gassenhauer der Berner Mundartband Patent Ochsner einspielt, beginnt gleich das ganze Stadion lauthals mitzusingen. Und während sich die Schweizer von Sieg zu Sieg schwingen (auch wenn es am Ende «nur» zu Silber gereicht hat), wird die geheimnisvolle «W. Nuss» zum festen Bestandteil der Siegesfeier. Dabei scheint dieses Lied überhaupt nicht dafür geeignet zu sein. Der Song ist keine martialische Siegeshymne, welche kraftstrotzende Mannsbilder besingt, sondern ein romantisches Frühlingserwachen, mit einer geheimnisvollen Protagonistin, die mit ihren «Chiuchefänschterouge» durch die Strassen zieht und mit ihrem Lächeln «jedes zäihe Läderhärz» weich werden lässt.
Und das im Anschluss an die Nationalhymne, die nicht ohne Pathos die Gegenwart Gottes im Schweizerland besingt! Wie passt das zusammen? Erstaunlicherweise irgendwie schon. Im Schweizerpsalm singen wir: «und die fromme Seele ahnt Gott im hehren Vaterland». Und dieses «fromme Ahnen» erinnert mich an den Propheten Elia, der am Berg Horeb Gott ganz neu und anders erahnen lernt (1. Könige 19). Nicht im Sturm und in der Feuersbrunst, sondern im «Flüstern eines sanften Windhauchs» begegnet der Prophet seinem Gott. Und somit passt die «W. Nuss» als Anschlusslied an die Nationalhymne irgendwie doch. Zärtlich wie ein Windhauch schwebt sie durchs Quartier und lässt Machos zu sanften «Himbeerbuben» werden. Und beschert der Schweiz ein wunderschönes, friedliches Sportfest ohne martialische Untertöne. So soll es sein! Und vielleicht ahnen wir auch etwas davon, wenn wir am 1. August wieder singen: «Und die fromme Seele ahnt Gott im hehren Vaterland».
Bildlegende: Detail eines Kirchenfensters im Basler Münster (Foto: Martin Schweingruber)




Emanuel Memminger, Pfarrer
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